Die letzte Etappe: Von Padrón nach Santiago de Compostela
Es gibt Momente im Leben, die man nicht planen kann – sie geschehen einfach. Vor einem Jahr hätte ich nie gedacht, dass ich eines Tages auf dem Jakobsweg wandern würde, geschweige denn, dass ich die letzte Etappe nach Santiago de Compostela erleben würde. Doch das Leben hat seine eigene Art, uns zu führen, und manchmal sind es die unerwarteten Wege, die uns am meisten prägen.
Die Etappe von Padrón nach Santiago war ein Geschenk. Der Weg führte mich durch eine sanfte, grüne Landschaft, die von der Morgensonne in ein warmes Licht getaucht wurde. Die Natur schien an diesem Tag besonders lebendig – die Vögel sangen, die Bäume rauschten im Wind, und die Felder leuchteten in sattem Grün. Es war, als ob die Welt selbst mich auf den letzten Kilometern begleiten wollte.

Unterwegs passierte ich kleine Dörfer, in denen die Zeit stillzustehen schien. Die Kirche von Santa María de Iria Flavia in Padrón, ein Ort voller Geschichte und Spiritualität, war ein besonderer Halt. Hier soll der Legende nach der Apostel Jakobus erstmals in Spanien gepredigt haben. Diese Verbindung zur Vergangenheit war spürbar – ein leises Flüstern, das mich daran erinnerte, dass ich Teil von etwas Größerem bin.
Als ich schließlich Santiago erreichte, war es, als ob die Stadt mich mit offenen Armen empfing. Die Kathedrale, majestätisch und ehrfurchtgebietend, erhob sich vor mir. Auf dem Vorplatz angekommen, konnte ich die Tränen nicht zurückhalten. Es war ein Moment purer Emotion – Freude, Erleichterung, Dankbarkeit. Ich saß dort, umgeben von anderen Pilgern, die ihre eigenen Geschichten und Gefühle mitbrachten. Wir alle teilten diesen Augenblick, ohne Worte, aber mit einem tiefen Verständnis füreinander.
Am Abend besuchte ich die Pilgermesse in der Kathedrale. Der Weihrauchkelch, der „Botafumeiro“, schwang durch die Luft und erfüllte den Raum mit einem Duft, der die Sinne beruhigte und die Seele erdete. Es war ein Moment der Stille und des Friedens, der mich tief berührte.
Philosophisch betrachtet ist der Jakobsweg mehr als nur eine Wanderung – er ist eine Metapher für das Leben selbst. Jeder Schritt, den wir gehen, bringt uns näher zu uns selbst. Die Herausforderungen, die wir überwinden, die Menschen, die wir treffen, und die Landschaften, die wir durchqueren, sind wie die Kapitel eines Buches, das wir selbst schreiben. Und am Ende, wenn wir unser Ziel erreichen, erkennen wir, dass es nicht nur um den Ort ging, sondern um die Reise dorthin.
Doch die Reise ist noch nicht zu Ende. Von Santiago aus geht es weiter nach Kap Finisterre – „ans Ende der Welt“. Ein Ort, an dem Himmel und Meer aufeinandertreffen, und wo ich die letzten Gedanken und Emotionen dieses Weges in die Weite tragen werde.
Der Jakobsweg hat mir gezeigt, dass das Leben voller Überraschungen steckt und dass es nie zu spät ist, neue Wege zu gehen. Vielleicht ist das die größte Lektion: Dass wir uns immer wieder auf den Weg machen können, egal, wo wir gerade stehen.